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Das ganze Leben ist Chemie!

Die Sammlung der Göttinger Chemie präsentiert ein besonders modernes Exponat bei uns im Sammlungsschaufenster: einen sogenannten Bioreaktor. Für ein Objekt im Museum der Göttinger Chemie ist dieses Exponat ziemlich jung; das Göttinger Unternehmen Sartorius hat es 2019 hergestellt und viele Labore nutzen es derzeit weltweit. “Der Bioreaktor ist eine Spende von Sartorius und er ist fabrikneu”, erklärt Dr. Ulrich Schmitt, der Kustos des Museums an der Fakultät für Chemie.

Ulrich Schmitt stellt den Bioreaktor ins Sammlungsschaufenster des Forum Wissen. Foto: Martin Liebetruth

Seine Sammlung ist facettenreich und enthält neben überwiegend historischen Exponaten nur wenige aktuelle Objekte aus der chemischen Forschung. Konventionell werden für viele chemische Arbeiten im Laboratorium vor allem Geräte und Apparaturen aus Glas verwendet. Deshalb präsentiert der Kustos auch in der oberen Vitrine des Sammlungsschaufensters eine Auswahl typischer Glasgeräte für chemische Laborpraktika (zahlreiche weitere Gerätschaften könnt ihr in der Basisausstellung des Forum Wissen im Raum Labor sehen).

Typische Glasgeräte für Laborpraktika im Sammlungsschaufenster. Foto: Leonie Bathow

Besonders im Bereich der Biochemie verwenden die Wissenschaftler*innen in neuerer Zeit vermehrt auch Laborgeräte aus modernen Kunststoffen, wenn dies von Vorteil ist. Hierzu gehört der schon genannte Bioreaktor, der aus Polycarbonat besteht. Er ist als Bestandteil einer größeren Apparatur ein wichtiges Hilfsmittel in der biochemischen Spitzenforschung. “Ein Reaktor ist einfach eine besondere Art von Gefäß, in dem bestimmte wissenschaftlich untersuchbare chemische Prozesse ablaufen”, erläutert der Kustos. An den Reaktor können verschiedene Schläuche, Filter und Adapter angeschlossen werden. Über diese können die Chemiker*innen dann beispielsweise Gase wie Sauerstoff, Stickstoff oder Kohlendioxid hinzufügen oder fernhalten. Auch ein Rührwerk für die Durchmischung von Flüssigkeiten ist Teil des Reaktors.

Der Bioreaktor, hergestellt 2019 vom Göttinger Unternehmen Sartorius. Foto: Martin Liebetruth

In der biopharmazeutischen Forschung werden in solchen Reaktoren spezifische Zellen unter geeigneten kontrollierten Bedingungen (Nährmedium, Temperatur, pH-Wert) kultiviert und erforscht – beispielsweise zur Entwicklung und Herstellung von Impfstoffen gegen Viren und (eher noch Zukunftsvision) gegen Krebs. Die Zellen sind im Grunde kleine ‚chemische Fabriken‘, die genetisch so ‚programmiert‘ werden können, dass sie die gewünschten Moleküle produzieren.

Ein Stück Zeitgeschichte

Durch die COVID-19-Pandemie kam die biopharmazeutische Forschung mit der schnellen, erfolgreichen Impfstoffentwicklung in die Medien. Die lebenswichtige Bedeutung von biochemischer Forschung wurde gesellschaftlich heiß diskutiert. Aufgrund dieser Aktualität hat sich Ulrich Schmitt für die Präsentation des Bioreaktors entschieden. Mit einem baugleichen Exemplar wurde nämlich die erste Charge eines auf neuartiger mRNA-Technologie basierenden Corona-Impfstoffes hergestellt.

Der Kustos ist stolz, dieses Objekt in seiner Sammlung zu haben. Es bildet ein Stück aktueller Zeitgeschichte ab und passt perfekt in das Konzept seiner vergleichsweise jungen Sammlung – die es erst seit 1979 gibt. Für die Präsentation im Sammlungsschaufenster hat sich Ulrich Schmitt noch auf die Suche nach leeren Ampullen des Corona-Impfstoffes gemacht. Diese könnt ihr ebenfalls in der Vitrine betrachten. Ob sie bald von historischem Wert sein werden?

Leere Ampullen des Corona-Impfstoffes. Foto: Leonie Bathow
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Forum Wissen Sammlung

Ein Füllhorn von Geschichten

Die Lehrsammlung für Ur- und Frühgeschichte enthält Exponate, sowohl Originale als auch Kopien, von der Urgeschichte bis hin zur Neuzeit. Sie spielt noch heute eine wichtige Rolle für Forschung und Lehre. Vielleicht ist die Sammlung gerade deswegen mit gleich zwei Vitrinenreihen im neuen Sammlungsschaufenster des Forum Wissen vertreten. So haben neben Student*innen nun auch Besucher*innen die Möglichkeit, einige Objekte aus der Nähe zu sehen. „Die ausgewählten Objekte, die im Moment ausgestellt sind, können dabei unterschiedlich betrachtet werden, einzeln für sich oder in einem zusammenhängenden Kontext“, so Dr. Immo Heske, Kustos der Lehrsammlung für Ur- und Frühgeschichte.

Steinzeitliche Feuersteinklingen im Sammlungsschaufenster im Forum Wissen. Foto: Martin Liebetruth.

Von der Sesshaftwerdung des Menschen

Die erste Geschichte, die erzählt wird, ist die Veränderung der Lebensweise durch die Sesshaftwerdung des Menschen im Jungneolithikum, eine der grundlegenden Erkenntnisse der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie. Dies wird anhand der ersten der beiden Schaufenster nähergebracht, in denen die landwirtschaftliche Vielfalt gezeigt wird: der erste Ackerbau und die Viehzucht in Deutschland zuerst auf den Lößböden und die spätere Weiterentwicklung zu den Großsteingräber-Kulturen wie der Trichterbecherkultur. Diese Kulturen legten ihre Toten in monumentalen Grabanlagen zur Ruhe und begannen auch auf kargen Sandböden mit dem Ackerbau.

Die Ausstellung im Sammlungsschaufenster verdeutlicht diese Veränderungen durch zahlreiche Fundstücke aus dieser Epoche der Menschheitsgeschichte. Hierzu zählen unter anderem Steinwerkzeuge und Waffen sowie Gefäße aus Keramik.

Trichterbecher aus Keramik im Sammlungsschaufenster im Forum Wissen. Foto: Martin Liebetruth.

Hebt man den Blick etwas, geht die Geschichte weiter und erzählt vom Übergang zur Bronzezeit, in der die Metallverarbeitung eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Die Waffen, Werkzeuge und der Schmuck aus Bronze werden in Gräbern gefunden und lassen Rekonstruktionen sowie die Unterscheidung von männlicher und weiblicher Tracht zu. So werden Frauen eher Schmuckgegenstände zugesprochen und Männern Waffen wie die Bronzeklingen.

Vom Übergang zur Bronzezeit

Reskonstruktionvorschlag einer bronzezeitlichen Frau im Sammlungsschaufenster im Forum Wissen. Foto: Lena Heykes.

Neben den großen gesellschaftlichen Veränderungen werden auch kleinere Details des alltäglichen Lebens durch Fundstücke veranschaulicht. Sie sind im Sammlungsschaufenster über das Scannen des QR-Codes zugänglich. Doch nicht nur Sesshaftwerdung und Bestattungssitten im Jungneolithikum und der Bronzezeit werden als Geschichten erzählt, sondern auch die Entwicklung von Gesellschaften und Kulturen, die sich in den Epochen bilden und weiterentwickeln.

Bedeutung der Exponate im Studium

Damit beschäftigen sich die Student*innen der Ur- und Frühgeschichte tiefergehend. Anhand der Exponate lernen sie die unterschiedlichen Merkmale der verschiedenen Kulturen näher kennen. Und natürlich arbeiten sie dafür auch eng mit den Exponaten aus der Lehrsammlung.

Schwerter der Älteren Bronzezeit aus Männergräbern. Foto: Martin Liebetruth.

Dort gibt es auch einige Objekte, die noch nicht wirklich aufgearbeitet sind, die sie dann in Seminaren behandeln und bearbeiten. Andere Objekte werden für Ausstellungsprojekte wie dem Sammlungsschaufenster genutzt, um den Student*innen das Planen der Ausstellungskonzepte näherzubringen. Ebenso spielen das Zeichnen und die Recherche zur kulturhistorischen Einordnung der Artefakte eine wichtige Rolle. Mit diesen Techniken können sich die Student*innen nämlich auf ihre Abschlussarbeiten vorbereiten.

Zeichnung der Schwerter aus dem Sammlungsschaufenster. Foto: Lena Heykes.

Insgesamt ist die Sammlung für Ur- und Frühgeschichte wichtig für die wissenschaftliche Arbeit und die Vermittlung der menschlichen Geschichte. Diese möchten Immo Heske und die Student*innen den Besucher*innen durch das Sammlungsschaufenster näherbringen. So können sie sich schlaglichtartig ein Bild von der Entwicklung der Menschheit machen.

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Forum Wissen Sammlungsschaufenster

Was uns alte Kinderbücher über das politische Klima ihrer Entstehungszeit verraten

Die Objektspalte der Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur Sammlungsschaufenster, Foto: Martin Liebetruth

Die Objekte der Göttinger Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur haben eine steile Karriere hingelegt. Was vor hundert Jahren noch Kindern als Zeitvertreib diente und nur aus ein paar dünnen, bestenfalls bunt bedruckten Seiten besteht, ist heute ein Forschungsobjekt von großem Wert. Bücher sind für Kinder oft der erste Zugang zur Welt außerhalb des eigenen Lebens – entsprechend hat man sie schon immer genutzt, um jungen Menschen Werte, Ideen und Weltbilder zu vermitteln.

Hartmut Hombrecher, Kustos der Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur, Foto: Eva Völker

„Kinder- und Jugendbücher zeigen uns bis heute nicht nur viel über historisch und regional verschiedene Vorstellungen davon, was Kindheit eigentlich ausmacht“, sagt Dr. Hartmut Hombrecher, Kustos der Sammlung, „in ihnen wird auch besonders deutlich, welche Diskurse eine Gesellschaft für wichtig hält und welche Ideen an nachfolgende Generationen weitergegeben werden sollen“. Öffentliche Bibliotheken haben dieses kulturhistorische Potenzial lange unterschätzt. Darum stammen auch die meisten Bände der Göttinger Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur aus privaten Sammlungen, die ab den 1960er Jahren aufgekauft oder als Schenkungen angenommen wurden. Die Göttinger Sammlung wächst noch immer. Heute wird sie nicht nur der Forschung zur Verfügung gestellt, sondern auch regelmäßig in der universitären Lehre genutzt.

Zwei Jugendbücher aus dem Jahr 1938 mit sehr unterschiedlichen Mädchenbildern, Foto: Martin Liebetruth

Mädchenfiguren 1938: Dort Freiheitsdrang…

In der Spalte des Sammlungsschaufensters im Forum Wissen kann man die unterschiedlichen Prägungen der Kinderliteratur besonders deutlich sehen, wenn man die Bücher miteinander vergleicht.

Im Mittelpunkt des ausgestellten Romans Bibi lernt Landwirtschaft (Zürich 1938) steht das Mädchen Bibi. Die Figur wurde 1928 von Karin Michaëlis (1872–1950), einer dänischen Autorin, Journalistin und Feministin, erfunden und tobte sich in den nächsten 10 Jahren in insgesamt sechs Jugendbüchern aus. Seit dem Tod ihrer Mutter, einer Grafentochter, lebt die abenteuerlustige und offenherzige Bibi einträchtig mit ihrem „Paps“ zusammen. Gegen ihn setzt sie aber auch immer wieder ihren eigenwilligen Kopf durch.

Bibi ist Mitglied einer Mädchenbande, die sich „die Verschworenen“ nennt. Gemeinsam schwärmen die fünf Mädchen in Bibi lernt Landwirtschaft für den neuen, jungen Pastor. Eine so offene und ausführliche Thematisierung erster Verliebtheit – zumal zu einem Pastor – war damals die Ausnahme. Die heile Welt währt aber nicht lange: Als eine große Bank pleite geht, verlieren Bibis Großeltern ihren Hof und ihr Betriebskapital, das sie teilweise für die Enkelin in Aktien angelegt hatten. Für Bibi ist das keine Tragödie: Dass sie nun eben einen Beruf erlernen und ausüben wird, wirkt selbstverständlich. Der Roman entwickelt hier deutlich eine republikanische und sozialdemokratisch geprägte Vorstellung von Gesellschaft. 

Frisch konfirmiert kommt Bibi auf einen Bauernhof und macht dabei schöne wie schwierige Erfahrungen. Die Strapazen werden recht realistisch dargestellt; unter anderem muss Bibi mit einem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche zurechtkommen. Inspirierend wirkt auf Bibi die Bekanntschaft mit einer Witwe, die sich mit ihren fünf Söhnen weitestgehend selbst versorgt. Die wirtschaftliche und soziale Eigenständigkeit von Frauen wird ebenso präsentiert wie Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft. Im Zentrum stehen das Individuum und seine Wünsche, immer eingebettet in die Gesellschaft.

Foto: Eva Völker

… hier Aufopferung für das Vaterland

Deutlich andere Prioritäten setzt die Protagonistin Gundula in Ein Mädel in der Front (Berlin 1938) der Schriftstellerin und Zeichnerin Suse von Hoerner-Heintze (1890–1978). Gundula entspricht einem Frauenideal, das besonders die Fürsorglichkeit und Aufopferungsbereitschaft in den Vordergrund stellt. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, ziehen ihr Vater und ihr Bruder in den Krieg. Gundula selbst scheut keine Mühen, um sich als Krankenschwester ausbilden zu lassen und den Verwundeten zu helfen. Außerdem pflegt sie ihren verletzten Vater mit größter Hingabe.

Was Gundula und Bibi gemeinsam haben, ist die Bereitschaft zum Arbeiten außerhalb des häuslichen Umfelds. Gundula beginnt ihre Ausbildung zwar wegen des Krieges, betont aber immer wieder, dass sie schon immer Krankenschwester werden wollte. Das ist kein Zufall, sondern passt gut in Geschlechterrollen, die für Frauen an erster Stelle Care-Tätigkeiten vorsehen.

Auch Gundula setzt ihren Willen manchmal durch, aber bleibt insgesamt Vater und Mutter hörig. Ein Jahr vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges präsentiert Hoerner-Heintze in ihrem Mädchenbuch das idealisierte Vorbild einer zurückhaltenden jungen Frau, die sich den vorgegebenen Werten nicht nur unterordnet, sondern sie geradezu verkörpert. Entsprechend wenig individuell ist die Figur angelegt. Damit wird den jungen Leserinnen vorgeführt, wie sie sich im Sinne der nationalsozialistischen Idee einer ‚Volksgemeinschaft‘ zu verhalten haben.

Entsprechende Ideen wurden in der Kinder- und Jugendliteratur auch nach 1945 weiter vermittelt. Während Ein Mädel in der Front keine Neuauflage in der Bundesrepublik erhielt, sind zahlreiche andere Texte in leicht bereinigter Fassung teils bis in die Gegenwart auf dem deutschen Buchmarkt geblieben.

Progressive Kinderbücher aus unterschiedlichen Jahrzehnten, Foto: Martin Liebetruth

Hier gibt es mehr zu entdecken…

Die Sammlung historischer Kinder- und Jugendliteratur Göttingen gehört mit etwa 35.000 Objekten zu den größten im deutschsprachigen Raum. Die Bücher, Papierspiele und weiteren Medien stammen aus dem Zeitraum vom frühen 18. bis zum späten 20. Jahrhundert. Schwerpunkte der Sammlung sind die Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik, der NS-Zeit, Bilderbücher und Märchenbücher. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, die Bestände während der Öffnungszeiten vor Ort zu nutzen.

Ein Beitrag von Antonia Roedszus, Jaqueline Stephan und Hartmut Hombrecher

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Ausstellung Engagement Forum Wissen Hinter den Kulissen

Rückschau Malwettbewerb und Spendenkampagne „Walheimat“

Das Projekt Walheimat Göttingen

Als einer der Publikums-Lieblinge aus dem ehemaligen Zoologischen Museum ist das Skelett des 17 Meter langen ‚Göttinger‘ Pottwals nach einer umfassenden Restaurierung seit Anfang März wieder zurück an seinem früheren Platz. Das Skelett wurde lange auf seine Rückkehr vorbereitet, indem die 123 Einzelknochen und der 500 Kilogramm schwere Schädel von Präparator Carsten Wortmann gereinigt und mit Hilfe eines Stahlkonstrukts naturgetreu und sicher montiert wurden.

Ein Malwettbewerb für alle

Zur Finanzierung der aufwändigen Hängung des Pottwalskeletts im Atrium des Forum Wissen haben die Universität Göttingen, der Förderkreis Forum Wissen e.V. und der Alumni Göttingen e.V. einen Malwettbewerb ausgelobt. Unter dem Motto „Walheimat Göttingen“ gingen zwischen November 2022 und März 2023 ganze 532 Bilder ein. Die jüngste Teilnehmerin war zwei, die älteste 71 Jahre alt. Sogar aus Schweden und Spanien haben uns Bilder erreicht.

In einer eigenen Ausstellung wurden die Bilder im Forum Wissen zwischen März und April 2023 gezeigt und fanden reges Interesse bei den großen und kleinen Besuchern. Eine unabhängige Jury wählte aus den vielen Bild-Beiträgen je nach Altersstufe aus vier Kategorien jeweils vier Gewinner aus. Diese 16 Gewinner konnten ihre Preise im Rahmen der feierlichen Eröffnung des Walskeletts am 19.03.2023 im Atrium des Forum Wissen entgegennehmen.

Die Auktion der anderen Art

Den Großteil der Bilder haben die Teilnehmenden zudem für eine stille Spenden-Auktion freigegeben. 150 Personen nahmen mit einer individuellen Spende daran teil, was ein Spendenergebnis von 6.650 Euro erbrachte. Es konnte sowohl online als auch analog per Wahl-Urne auf die zur Auktion freigegebenen Bilder geboten werden. Zum Ende der Spenden-Auktion am 14.04.2023 um 23:59 Uhr gab es wahre Kopf-an-Kopf-Rennen unter den Bietern, was das Geschehen aufregend und dynamisch machte. Auch fortlaufend sind Spenden zugunsten der Hängung des Walskeletts auf der Homepage des Alumni Vereins möglich.

Der Höchstbietende (der anonym bleiben möchte) verrät uns, dass er den Hype um den Göttinger Wal zunächst eher lustig fand, sich dann in der Ausstellung aber in sein Favoriten-Bild „verguckt“ hat und zum Ende der Spenden-Auktion in einen wahren Auktions-Rausch gekommen ist, um mit Timer und unter Spannung bis um 23:59 Uhr mitzuspenden.

Malwettbewerb „Walheimat Göttingen“, Bild Nr. 20 von Annika Becker (24)

Das höchstgebotene Bild

Auch die Wettbewerbs-Teilnehmende Annika Becker (24 Jahre), deren Bild-Spende den höchsten Betrag von 240 Euro erbracht hat, ist begeistert von der Möglichkeit, sich persönlich für die Hängung des Walskeletts zu engagieren. Sie hat aus den Uni-News vom Malwettbewerb erfahren und einen ganzen Monat an ihrem Kunstwerk gearbeitet. Zuletzt musste sie sich sogar etwas Mut ansammeln, um mit einer neuartigen Technik per Airbrush die Wolken auf die Leinwand zu sprühen. Ihr Herzenswunsch ist, dass das Pottwalskelett im Forum Wissen die Besucher auch daran erinnert, einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Meer und seinen Lebewesen zu ermöglichen.

Wir bedanken uns bei allen, die uns mit Bildern, Spenden und motivierenden Worten in dieser Walkampagne unterstützt haben! Und wer mehr über den Wal und seinen Einzug ins Forum Wissen erfahren möchte, kann sich dazu auch unsere Videos anschauen.

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Forum Wissen Sammlung Sammlungsschaufenster

Archäologie und Naturwissenschaften

Im Sammlungsschaufenster der Ur- und Frühgeschichte findet ihr eine Vielzahl von interessanten und anschaulichen Objekten. Diese geben euch einen Einblick in das Leben und die Kultur der zurückliegenden ca. 7.500 Jahre. Besonders aufschlussreich sind dabei die Tierzähne. Sie zeigen euch, welche Haustiere bereits in einer frühen Phase der Seßhaftwerdung gehalten wurden. „Daneben stehen Tierfiguren, um gerade auch Kindern im Vorschulalter zu veranschaulichen, welche Tiere in der damaligen Zeit von Menschen gehalten wurden“, erklärt Dr. Immo Heske, der Kustos der Lehrsammlung für Ur- und Frühgeschichte.

Zähne eines Hausschweins aus dem Kreis Helmstedt, Bronzezeit und Eisenzeit. Foto: Martin Liebetruth

Zugleich könnt ihr sehen, welche Tiere auf dem urgeschichtlichen Bauernhof zu Beginn noch fehlen. Die Tierzähne sind auch ein Verweis auf die Naturwissenschaften, die eng mit der Archäologie verbunden sind. Denn ohne archäozoologische Bestimmungen können Wissenschaftler*innen die Tierarten nicht unterscheiden. Anhand der Tierzähne können sie feststellen, wie alt die Tiere zum Zeitpunkt ihres Todes waren und ob sie im laufe ihres Leben gereist sind.

Metallanalysen und Handel

Ein weiteres Highlight der Ausstellung sind Objekte aus der Bronzezeit: Ösenhalsringe und Spangenbarren, stehen für eine frühe Phase des Handels. Denn mit diesen Ringen und Barren haben die Menschen damals ihre Waren bezahlt. Auch das Metall selbst lässt weitere Auskünfte zu.  Die Zusammensetzung der Metall-Legierungen können Spezialist*innen bestimmen. Manchmal gelingt es sogar, die Herkunftsregion einzelner Bestandteile aufzuschlüsseln. Die Wissenschaftler*innen des Instituts für Ur- und Frühgeschichte haben sich in den zurückliegenden Jahren stark auf die Bronzezeit konzentriert. Diese zeigt uns, wie wichtig der überregionale Warentransfer für die Versorgung der Menschen mit Rohstoffen war. Durch Handel und Austausch von Rohstoffen kamen die Menschen in Kontakt mit anderen Kulturen und konnten von deren Kenntnissen sowie Fertigkeiten profitieren. Die Objekte in der Ausstellung zeigen uns eindrucksvoll, wie international die Kontakte der europäischen Menschen bereits zu dieser Zeit waren.

Ösenhalsringe, Bronzesichel und Spangenbarren aus der frühen und jungen Bronzezeit. Foto: Lena Heykes

Anthropologie und Bestattungen

Besonders spannend sind auch die Ausstellungsstücke zum Thema Bestattungssitten. Die Leichenbrände zeigen uns, wie die Menschen der Vergangenheit mit dem Tod umgegangen sind und welche Bestattungsformen sie gewählt haben. Hier ist die Anthropologie eine große Unterstützung, um Details über Geschlecht, Alter und vieles mehr herauszufinden – zum Beispiel über Arbeitsbelastung und gewalttätige Konflikte. Die Bestattungsmethoden änderten sich im Laufe der Zeit deutlich, besonders ab der Bronzezeit und europaweit ab dem 11. Jahrhundert v. Chr. Die Vielfalt der Bestattungsmethoden und -rituale zeigt, wie unterschiedlich die Menschen damals das irdische Leben im Jenseits weiter dachten. Heute kann jeder selbst entscheiden, ob er eine Brandbestattung in einer Urne oder eine Körperbestattung in einem Sarg bevorzugt.

Urne mit Leichenbrand aus der Eisenzeit. Foto: Uni Göttingen

„Es ist erstaunlich, dass die Bestattungen in Niedersachsen bis zur Einführung des Christentums fast ausschließlich bei Brandbestattungen blieben.“, meint Immo Heske. Die Hausurnen, die ganz oben in der Ausstellung stehen, zeigen uns auch, dass einige Gefäße ausschließlich für die Bestattung angefertigt wurden. Für normale Urnen verwendeten die Menschen damals oft einfache Gefäße aus dem Haushalt. Diese Urnen gab es häufig. Hausurnen finden Archäolog*innen hingegen seltenen. Sie lassen sich aber inselartig europaweit nachweisen. Ein Hinweis auf vielfältige Einflüsse und Kontakte zwischen dem heutigen Dänemark, Polen, Italien und dem Nordharzgebiet in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Die Ausstellung der Ur- und Frühgeschichte im Sammlungsschaufenster endet mit den Hausurnen. Diese werden an das Ende der Bronzezeit und den Übergang der Eisenzeit datiert. Die Eisenzeit in Niedersachsen ist ansonsten überwiegend mit wenig aussagekräftigen Urnen belegt.

Hausurne der frühen vorrömische Eisenzeit 8./7. Jh. v. Chr. Foto: Lena Heykes

Noch mehr zu entdecken

Insgesamt liefert das Sammlungsschaufenster der Ur- und Frühgeschichte einen faszinierenden Einblick in das Leben und in die Kultur der frühen Menschheit. Die Objekte zeigen uns, wie sich die menschlichen Gesellschaften und Glaubensvorstellungen im Laufe der Zeit entwickelt und verändert haben – aber auch, wie der Mensch überregional oder lokal lebte. Archäolog*innen erforschen die Regionen und Landschaften, in denen wir heute leben auf ihre Geschichte.

Das Mittelalter spielt im Sammlungsschaufenster zwar keine Rolle, dafür ist es in der Dauerausstellung „Räume des Wissens“ präsent, mit Objekten des Weltkulturerbes Haithabu.

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Forum Wissen Sammlungsschaufenster

Gemmen, Gipsabgüsse und Göttingen

Im Archäologischen Institut Göttingen befindet sich die 1765 gegründete Sammlung der Gipsabgüsse. Diese Sammlung gibt einen Überblick über die mehr als 1000-jährige Geschichte der griechisch-römischen Bildhauerkunst. Sie enthält nicht nur Abgüsse großformatiger Statuen, sondern auch winziger Gemmen.

Was sind Gemmen?

Gemmen sind geschnittene Schmucksteine, die aus verhältnismäßig weichen Steinen geschnitten wurden. Die verwendeten Steinsorten waren dabei Tigerauge, Bergkristall, Rosenquarz, Amethyst, Granat, Roter und Gelber Japsis, Karneol, Sarder, Achate, Chalzedon und Chrysopras. Mit viel Erfindungsgeist entwickelten die Gemmenschneider ab dem 5. bis 6. Jahrtausend vor Christi Techniken, um die relativ weichen Steine mit freier Hand zu bearbeiten. Dabei wurde das Bildmotiv von den Steinschneidern als Vertiefung eingeschnitten.

Mit den Abgüssen, die in der Antike angefertigt wurden, konnten damals Briefe und Dokumente wie Urkunden als Siegel beglaubigt werden. Aber auch Waren, Kästchen, Gefäße und Türen wurden so verschlossen. Ob aus Ton oder Wachs – das Öffnen hätte die Siegel beschädigt und verraten, dass sich jemand Zugriff verschaffen wollte!

Die Abbildung zeigt Abdrücke von Gemmen im Sammlungsschaufenster des Forum Wissen
Die Abgüsse der Gemmen aus dem Archäologischen Institut Göttingen im Sammlungsschaufenster des Forum Wissen. Foto: Eva Völker

Wofür wurden Gemmen angefertigt?

Neben Münzen waren Gemmen in der Antike die kleinsten Kunstwerke, die hergestellt wurden. Bis auf Gemmen aus Glas konnten sie nicht vervielfältigt werden und waren deshalb immer ein Unikat. Gemmen wurden zum Beispiel als Schmuckstücke, Ehrengeschenke, Glücksbringer oder Amulette angefertigt. Dabei wurden ihnen magische Kräfte zugeschrieben und Verstorbenen mit ins Grab gegeben oder auch vererbt. Es gab nicht nur einfach geschnittene Gemmen, sondern auch richtige Meisterwerke!

Die Abgüsse der Gemmen

Im 18. Jahrhundert wurden umfangreiche Sammlungen von Gemmen erstellt. Sie galten als zentrale Quelle für die Kenntnis der antiken Kunst. Die Abgüsse solcher antiker Siegelsteine in Gips, Schwefel, Siegelwachs oder Siegellack sowie Sammlungen von ihnen wurden hauptsächlich im 18. Jahrhundert angelegt. Der größte Teil der Vorlagen für die Abgüsse stammt aus der Zeit etwa vom 6. Jahrhundert vor bis zum 6. Jahrhundert nach Christus. Die detaillierten Miniaturbilder der Abgüsse sind für uns ein spannendes Zeugnis der Antike!

Die Abbildung zeigt Gipsabgüsse von Gemmen im Detail aus dem Sammlungsschaufenster im Forum Wissen.
In Nahaufnahme: Antike Bildmotive. Foto: Eva Völker

Bei vertieft in die Gemmen eingeschnittenen Bildern hatten Abgüsse den Vorteil, dass dank des positiven Reliefs Details oft noch besser als im Original herausgelesen werden konnten. Sammlungen solcher Abgüsse nennt man Daktyliotheken. Viele davon sind uns gut erhalten, da sie üblicherweise in geschlossenen Kästen aufbewahrt wurden und somit meist unversehrt geblieben sind. Für diese Art der Sammlungen wurden die Abgüsse mithilfe von vergoldeten Papierrähmchen systematisch auf einer Trägerplatte angeordnet beziehungsweise in eine Schublade fest montiert.

Abgüsse von Gemmen aus der Archäologischen Originalsammlung

Das Göttinger Archäologische Institut verfügt nicht nur über eine große Zahl von Daktyliotheken sowie einzelnen Gemmenabgüssen, sondern auch über mehr als 600 originale Gemmen aus hauptsächlich römischer Zeit. Johann Friedrich Crome (1906-1962) fertigte 1931 das erste systematische wissenschaftliche Inventar dieser originalen Gemmen im Besitz des Göttinger Archäologischen Instituts an und publizierte einen Teil davon in einem Aufsatz. Crome, der damals noch keine 25 Jahre alt war, hatte allerdings wenig Erfahrung mit antiken Gemmen. Er zog daher Paul Arndt als Experten zu Hilfe, den zu der Zeit besten Kenner antiker Steinschneidekunst in München. Arndt erhielt das gesamte Originalmaterial, formte innerhalb einiger Monate alle 106 Stück ab und montierte sie auf vier Tafeln aus festem Karton. Diese Abgüsse wurden in mindestens zwei Sätzen hergestellt und: Sie sind noch heute am Göttinger Institut erhalten.

Die Abbildung zeigt Gipsabdrücke von Gemmen aus dem Sammlungsschaufenster im Forum Wissen.
Die Abgüsse der Gemmen aus dem Archäologischen Institut Göttingen auf Karton montiert. Foto: Eva Völker

Die Gipsabgüsse von Gemmen

Die Nummerierungen auf dem Karton verraten uns vermutlich, dass es sich hierbei um ein Arbeitsexemplar handelt, welches dann als Fotografievorlage für die Publikation diente. Dafür wurden die endgültigen Tafeln wahrscheinlich in höchster Präzision als Ganzes fotografiert und der freie Raum zwischen den Abgüssen dann einschließlich der Goldrähmchen wegretuschiert. Da die Abgüsse auf den endgültigen Tafeln nicht nummeriert sind, können sie nur in Verbindung mit den Abbildungen in Cromes Publikation benutzt werden.

Der Kasten als solcher präsentiert uns ähnlich wie traditionelle Daktyliotheken damals die Gemmenabgüsse ein Stück der europäischen Kunstgeschichte. Im Sammlungsschaufenster des Forum Wissen werden die Gemmenabgüsse in den Glasvitrinen gezeigt und die spannenden Details sind mit bloßem Auge zu betrachten!

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Sammlung Sammlungsschaufenster

Auf Spurensuche: die Anthropologische Sammlung

Den Knochenfunden ein Stück Identität zurückgeben

Anthropolog*innen sind angewiesen auf Originale, sie arbeiten mit echten menschlichen Überresten. Doch woher stammen diese? Und was untersuchen Anthropolog*innen?

Exponate der anthropologischen Sammlung der Universität Göttingen sind Teil des Sammlungsschaufensters. Fotos: Martin Liebetruth

“Wir haben keine museale Sammlung wie beispielsweise die Kunstsammlung der Universität Göttingen. Unsere Sammlung ist sehr flexibel, wir bekommen immer wieder neue Knochen und Skelette, welche Studierende überwiegend im Rahmen von Abschlussarbeiten untersuchen”, erklärt Dr. Birgit Großkopf. Sie betreut die anthropologische Sammlung der Universität Göttingen und ist unter anderem Expertin, wenn es um Skelettfunde geht. Frau Großkopf ist Mitarbeiterin der Abteilung Prähistorische Anthropologie und Humanökologie am Johann Friedrich Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen.

Die Bestände der Sammlung kommen größtenteils aus archäologischen Grabungen aus ganz Deutschland. Teilweise werden die Knochen nach ihrer wissenschaftlichen Untersuchung wieder bestattet oder sie werden ein Teil der Lehrsammlung und für die Ausbildung und Forschung genutzt. An welchen Krankheiten hat die Person gelitten, wie alt ist sie geworden? Unter welchen Umständen hat sie gelebt? Das erforschen Anthropolog*innen in enger Zusammenarbeit Archäolog*innen. So können sie den menschlichen Überresten ein Stück Identität zurückgeben. Diese verschwinden nicht einfach mit den Baggerschaufeln …das ist Birgit Großkopf wichtig.

Wie forschen Anthropolog*innen?

Die menschlichen Überreste, die im Sammlungsschaufenster im Forum Wissen gezeigt werden, kommen nicht aus kolonialen Kontexten und haben nach den Erkenntnissen der Göttinger Forscher*innen keine ethisch bedenkliche Herkunft. Sie stehen exemplarisch für die Sammlung und die Arbeit der Göttinger Anthropolog*innen und denen, die es werden wollen. Zwei menschliche Oberschenkel-Knochen aus der Sammlung der Göttinger Anthropologie sind im Sammlungsschaufenster ausgestellt. Auf den ersten Blick vielleicht für manche etwas gruselig… Auf den zweiten Blick und mit Frau Großkopfs Erläuterungen, geben die Exponate interessante Einblicke in die Forschung der Anthropolog*innen.

Was Knochen für Geschichten über das Leben erzählen…

Der Oberschenkel-Knochen zum Beispiel stammt ursprünglich aus der pathologischen Sammlung der Universität Göttingen. Hier wurden Knochen für die medizinische Ausbildung gesammelt. Diese Sammlung wurde Anfang des 20.Jahrhunderts angelegt und von der Göttinger Anthropologie vor über 30 Jahren von der Medizin übernommen. Woher genau dieser große Knochen stammt, ist nicht mehr nachvollziehbar, denn die Unterlagen wurden im Krieg vernichtet. Der Knochen selbst aber ermöglicht es, pathologische Veränderungen am Original zu erforschen. Er weist Veränderungen auf, die Birgit Bgroßkopf auf den chronischen Verlauf einer Osteomyelitis zurückführt. Solche bakteriellen Entzündungen des Knochenmarks sind wieder auf dem Vormarsch, ausgelöst beispielsweise durch Antibiotika resistente Bakterien, die auch zu einer Sepsis führen können.

Der andere Oberschenkelknochen – in der unteren Vitrine des Schauregals – stammt aus einer Wolfenbütteler Gruft. Er zeigt deutliche Spuren der Zersetzung. Ein niedriger pH-Wert und Feuchtigkeit beschleunigen den Prozess. Der Knochen zersetzt sich immer weiter und über die Jahre könnte man hier auch mit den bloßen Augen minimale Veränderungen beobachten – für die Anthropologin ist das etwas ganz Normales.

Ein menschlicher Oberschenkelknochen ist im Sammlungsschaufenster des Forum Wissen ausgestellt.

Fragen nach dem Alter

Der Unterkiefer eines Kindes, der im Forum Wissen im Sammlungsschaufenster zu betrachten ist, steht beispielhaft für Forschungsfragen zur Bestimmung des Sterbealters. Bei Kindern werden während des Wachstums die Milchzähne durch die Dauerzähne ersetzt. Zahnausfall im Alter führt hingegen zur Rückbildung des Kiefers. Der Knochen baut sich ab, wenn die Zähne fehlen und beim Kauen kein größerer Druck mehr auf den Kieferknochen wirkt. So haben die Anthopolog*innen herausgefunden, dass es in der Steinzeit vereinzelt Menschen gab, die trotz vieler Gefahren über 70 Jahre alt wurden.

Kein Skelett gleich dem anderen!

Wie lange ein Skelett schon im Boden gelegen hat, ist schwer zu bestimmen. Normalerweise vergehen Knochen im Boden recht schnell. Doch bei kalkhaltigen Böden können sich Knochen auch über tausende Jahre erhalten. Hier gibt es keinen Standard, an dem man schnell und einfach das Alter der Knochen festmachen kann. Viele Fragestellungen sind vergleichbar mit der Arbeit von Kriminologen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass Frau Großkopf bei Skelettfunden von der Polizei um Hilfe gefragt wird. Hier sind Anthropolog*innen Profis.

Und: Kein Mensch sieht gleich aus! Auch kein Skelett gleicht dem anderen – diese Vielfalt möchte Frau Großkopf an die Studierenden vermitteln.

Die anthropologische Sammlung der Universität Göttingen

Mehr über die Sammlung könnt ihr direkt auf der Institutsseite erfahren. Ansprechpartnerin für alle Fragen, welche die Sammlung betreffen, ist Dr. Birgit Grosskopf.
PS: Aktuell könnt ihr die Ausstellung „Unter uns. Archäologie in Göttingen“ im Städtischen Museum Göttingen besuchen. Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen der Stadtarchäologie und der Abteilung Historische Anthropologie und Humanökologie des Johann-Friedrich-Blumenbach-Instituts für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen. Ein Besuch lohnt sich!

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Ausstellung Forum Wissen Hinter den Kulissen

„Forum Handeln“ – konstruktiver Klimaprotest im Forum Wissen

“Forum Handeln” – eine Intervention von Endfossil:Occupy! Göttingen | © Martin Liebetruth

Am vergangenen Wochenende haben Klimaaktivist*innen von „EndFossil:Occupy! Göttingen“ das Forum Wissen gekapert. Die „Räume des Wissens“ verwandelten sie durch eine eigens konzipierte Ausstellung in „Räume des Handelns“. Sie gingen der Frage nach, wie mit Blick auf die gegenwärtige Klimakrise Wissen in konkretes Handeln umgesetzt werden kann. Da sich schnell zeigte, dass die Aktion verantwortungsvoll ablief, ließ das Forum Wissen die Aktivist*innen gewähren und unterstützte die Aktion.

Von Freitagmittag bis Sonntagabend war das Forum Wissen von den Klimaktivist*innen gekaptert | © Martin Liebetruth

„Am Freitag um 13:58 Uhr kam eine Mail, in der das Vorhaben angekündigt wurde“, sagt die Leiterin des Wissensmuseums Sandra Potsch, die zu dem Zeitpunkt zufällig vor Ort war. Nur zwei Minuten später trafen dann auch schon 35 Aktivist*innen im Forum Wissen ein. Ein Kommunikationsteam von EndFossil informierte die Leitung des Hauses, dass die Aktion friedlich verlaufen werde und keinerlei zerstörerische Handlungen geplant seien. In Windeseile bauten die jungen Leute von der Klimaprotestbewegung die Ausstellung auf, die aus Stellwänden, Plakaten, Infotafeln und Objekten bestand. Inhaltlich ging es um konkrete Auswege aus der Klimakrise wie etwa fahrradfreundlichere Städte, aber auch um die Frage, welchen Beitrag jede*r einzelne von uns leisten kann und wie man es schafft, seine eigene Komfortzone zu verlassen und ins Handeln kommt.

Intervention Forum Handeln im Salon | © Martin Liebetruth

„Wir fühlten uns zunächst schon überrumpelt“, so Museumsleiterin Sandra Potsch, „stellten dann aber rasch fest, dass die Aktivistinnen und Aktivisten sehr verantwortungsvoll mit unseren Objekten umgegangen sind.“ Auch die Kommunikation mit dem Museumsteam und den Besucher*innen sei sehr respektvoll verlaufen. Es wurden auch Führungen und Workshops für die Besucher*innen angeboten, in denen u. a. Demo-Schilder gebastelt wurden.

Intervention Forum Handeln | © Martin Liebetruth

Es ist wohl das erste Mal, dass eine aktivistische Gruppe hierzulande auf eine solch friedvolle Weise ein Museum gekapert hat. In der Vergangenheit wurden z. B. Bilder durch Ketchup oder Kartoffelbrei beschädigt. Auch der wissenschaftliche Leiter des Forum Wissen Christoph Bleidorn ist beeindruckt von der Professionalität der Aktion. Im Nachgespräch mit den Aktivist*innen sagt er über die Haltung des Hauses, „ein Museum sollte dynamisch sein.“ Gleichzeitig wies er auf das geplante Biodiversitätsmuseum hin, in dessen Ausstellung die Klimakrise thematisiert werde. Allerdings wird es bis zur Eröffnung noch eine ganze Zeit dauern.

Der Klimawandel schreitet rasant voran | © Martin Liebetruth

„Zeit, die wir nicht haben, die Klimakrise wartet nicht“, entgegnet die Aktivistin Judith Stier. Sie und ihr Team wollten mit der Aktion auf eines der drängendsten Themen unserer Zeit aufmerksam machen. „Da schien uns das Forum Wissen als Ort mit seiner großen Reichweite und seinem Bildungsauftrag genau der richtige Ort zu sein.“ Ihr Ziel ist es, etwas in den Köpfen der Menschen zu verändern, sie zu informieren und dann auch zum Handeln zu bringen, um die Klimakrise aufzuhalten. Aktivist*innen und Museumsteam wollen weiterhin in Kontakt bleiben, um gemeinsam zu überlegen, was das Forum Wissen tun kann, um das Thema Klimakrise stärker als bisher in die Öffentlichkeit zu tragen.

Auch das Treppenhaus wird zur Ausstellungsfläche | © Martin Liebetruth

Unter dem Strich sind Judith Stier und ihr Kollege Jonathan Groß sehr zufrieden mit der Aktion: 1.500 Besucher*innen haben am Wochenende die spontane Ausstellung besucht, viele von ihnen Menschen über 40, die nicht zur Generation der Millennials gehören. Zahlreiche Besucher*innen waren überrascht, etliche zunächst auch durchaus skeptisch. Doch es gab viele Gespräche zwischen Besucher*innen, Aktivist*innen und dem Museumsteam. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv. Zum einen, was die Inhalte, zum anderen was die friedliche Form des Protests betrifft.

Der Raum Werkstatt wird zum Raum der Utopien | © Martin Liebetruth

Äußerst frustrierend ist aus Sicht der Aktivist*innen allerdings, dass die Medien kaum berichtet haben. Tatsächlich waren auf ihre Initiative zwei Fernsehteams vor Ort. Als diese jedoch feststellten, dass die Aktion komplett friedlich verlief, zogen sie unverrichteter Dinge ab. „Es ist frustrierend“, sagt Jonathan Groß, „dass wir mit dieser sehr aufwendig vorbereiteten Ausstellung für die Medien nicht interessant sind. Wenn wir Kartoffelbrei geworfen hätten, hätten wir die gewünschte Reichweite bekommen.“ Das ist eine bittere Erkenntnis für das Team von „EndFossil“, das sich ein halbes Jahr lang intensiv auf die Ausstellung vorbereitet hatte. Die Redaktionen müssen sich fragen, ob ihr Verhalten nicht auch zu einer Radikalisierung der Protestbewegungen beiträgt.

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Das Verborgene sichtbar machen

Wie sieht eigentlich das Herz eines menschlichen Embryos aus? In unserem Sammlungsschaufenster könnt ihr es sehen. Denn hier ist ein zerlegbares Modell eines sechs Wochen alten Embryos ausgestellt. Der ist zu diesem Zeitpunkt ungefähr sechs Millimeter groß. Mit bloßem Auge also kaum zu sehen, zumal im Mutterleib. Jörg Männer versteht sich daher als jemand, der das normalerweise Verborgene sichtbar macht – mit den Objekten aus seiner, der Humanembryologischen Sammlung Blechschmidt.

PD Dr. Jörg Männer mit dem zerlegbaren Modell eines menschlichen, embryonalen Herzens.

Wie das Blut fließt

„Bereits in der vierten Woche nach der Befruchtung beginnt das menschliche Herz Blut zu pumpen,“ erklärt der Kustos. Zu diesem Zeitpunkt ist es lediglich ein schlauchförmiges Gebilde, dessen Pumpaktion an die des Darmes erinnert. Während der folgenden drei Entwicklungswochen aber wird der embryonale Herzschlauch in ein vierkammeriges Herz umgebaut. Nun ähnelt es dem eines Erwachsenen. Welchen Weg das Blut innerhalb des Herzens nimmt, zeigen die farbigen Ausgüsse. Sie stehen für verschiedene Hohlräume im Herzen – eines Erwachsenen und eines Fetus (so wird der Embryo nach der achten Entwicklungswoche genannt). Grün heißt: Hier fließt sauerstoffarmes Blut. Gelb zeigt die Bahn für das Blut an, das reich an Sauerstoff ist.

Ausgüsse der Hohlräume im Herzen von Fetus (links) und Erwachsenem (rechts).

Auf den ersten Blick scheint das Herz eines Fetus genauso zu funktionieren wie das nach der Geburt. Schaut man aber genauer hin, sind die Unterschiede zu erkennen: Die linke und die rechte Hauptkammer des fetalen Herzens arbeiten parallel. Das heißt, beide pumpen ihr Blut in den Körperkreislauf. Nur ein sehr kleiner Anteil fließt durch den Lungenkreislauf. Das hängt mit der vorgeburtlichen Atmung zusammen, die jetzt noch über die Plazenta läuft. Nach der Geburt hingegen arbeiten die beiden Hauptkammern seriell: Die rechte pumpt das sauerstoffarme Blut in den Lungenkreislauf und die linke pumpt es von dort – nachdem es sich wieder mit Sauerstoff angereichert hat – zurück in den Körperkreislauf.

Blick in den Sammlungsraum. Foto: Michael Markert

Repliken sind öffentlich ausgestellt

So kann es der Kustos auch im Seminar erklären. „Die Objekte erleichtern es den Studierenden, die vorgeburtliche Entwicklung des Menschen zu verstehen“, so Männer. Denn gerade das Herz-Kreislauf-System erfährt mit der Geburt und dem Verlust der Plazenta einen grundlegenden Umbau. Das nachzuvollziehen, ist nun im Forum Wissen möglich. Wer darüber hinaus mehr über die Sammlung und ihre Geschichte erfahren möchte, liest am besten hier weiter. Und wer sich für 3D-Repliken von Embryos interessiert, der kann die einzigartigen, überlebensgroßen Objekte im Institut für Anatomie und Embryologie besichtigen.

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Was das Schreiben angeht…

Autor: Dr. Andreas Effland, M.A. Seminar für Ägyptologie und Koptologie

„Was das Schreiben für den, der es kann, angeht: Nützlicher ist das als jedes Amt!“

aus dem Papyrus Lansing, 20. Dynastie, 11. Jahrhundert. v.Chr.

Das Schreiben erforschen…

Ob in Ägypten oder Mesopotamien das Medium Schrift zuerst genutzt wurde, steht noch in der Diskussion. Beide Regionen haben eine bis in das 4. Jahrtausend v. Chr. zurückreichende Tradition des Schreibens.
Die Schreiber bildeten in der altägyptischen Gesellschaft und Verwaltung ein wichtiges Fundament und die Wertschätzung für diesen Beruf war außerordentlich groß. Eine gute Ausbildung eröffnete ausgezeichnete Karrierechancen.
Der angehende Schreiber erhielt nicht nur Kenntnisse in der Schrift, ihm wurde eine umfassende Allgemeinbildung vermittelt, er lernte die „klassische Literatur“ des Nillandes kennen, übte sich in Spezialkenntnissen wie der Mathematik, die ihn in die Geheimnisse von Projektplanungen und Bauvorhaben einführte. Weiteres Wissen zu Themen wie Astronomie oder Medizin konnte ein Schreiber an „weiterführenden“ Tempelschulen erlangen. Zum Handwerkszeug gehörten sein Schreibmaterial: Papyrus, die Palette mit Farbpasten sowie Wassernapf, Tinte und Schreibbinse. Dies war ein wichtiges Schreibgerät, das wie eine Schreibfeder genutzt wurde und aus einer grasartigen Pflanze, der Binse, gefertigt wurde.

Die Figur des Schreibers

Die im Sammlungsschaufenster im Forum Wissen ausgestellte Figur eines Schreibers aus der Zeit des sogenannten Neuen Reiches (18. Dynastie, 14. Jahrhundert v. Chr.) zeigt eine typische Haltung, bei der er mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden sitzt und eine Papyrusrolle quer vor sich aufrollt. In dieser Stellung lassen sich auch sehr lange Papyri beschreiben. Die längsten bekannten Papyri aus Ägypten messen bis zu 40 Meter!

Die kleine Statuette trägt sogar den Namen des dargestellten Schreibers: Nebmerutef. Und auch wenn die im Sammlungsschaufenster ausgestellte Plastik nur eine Replik ist, also eine Kopie einer Statuette deren Original sich heute im Louvre in Paris befindet, könnte eine solche Schreiberstatuette geradezu ein Ikon für unser wissenschaftliches Fach sein.

Die Ägyptologie gehört zu der geisteswissenschaftlichen Fächergruppe der Alten Sprachen und Kulturen. In Göttingen blicken wir auf eine mehr als 150 Jahre lange Geschichte unseres Faches zurück; das Studium und die Erforschung der Historie, der Kultur und Religion des pharaonischen und auch des christlichen Ägypten und der ägyptisch-koptischen Sprache hat in Göttingen Tradition. 1867 wurde hier die weltweit erst dritte Professur für Ägyptologie eingerichtet.

Traditionell konzentriert sich die Forschung unseres Faches zunächst auf die ägyptische Sprache und ihre Schriften. Auch heute noch ist das Fundament für einen erfolgreichen Studienabschluss in der Ägyptologie eine solide Sprachausbildung. Daneben steht allerdings auch die Erforschung der materiellen Hinterlassenschaften, von Artefakten, wie Gerätschaften, Alltagsgegenständen, Kultobjekten, Grabbeigaben, Ritualrelikten, dazu kommen auch die Baudenkmäler, Bildwerke, Reliefs, Malereien, Statuen, Stelen, Särge oder auch Amulette und die Keramik des Alten Ägypten, materielle Hinterlassenschaften, die meist den Kern von Sammlungen an Museen und Universitäten ausmachen.

Die Figur des Schreibers im Sammlungsschaufenster des Forum Wissen

Die Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie
der Universität Göttingen

Die kleine Sammlung am Seminar für Ägyptologie und Koptologie an der Georgia Augusta besteht aus etwa 100 originalen Objekten und fungiert als Lehrsammlung, die auch im Unterricht genutzt wird. Es handelt sich dabei um kleinformatige Objekte wie Amulette, Skarabäen, und Keramik. Um den Studierenden unseres Faches jedoch auch andere und mitunter größere Objekte und Thematiken zu vermitteln, benutzen wir auch gerne gute Museumsreplikate, wie sie derzeit auch im Sammlungsschaufenster im Forum Wissen zu sehen sind.

Altägyptische Originale finden sich an der Universität Göttingen auch in anderen Sammlungen. Sie wurden zum Teil schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf Initiative von J.F. Blumenbach für das Akademische Museum erworben und zeugen von einem weit zurückreichenden Interesse an dem alten Ägypten in unserer Stadt.