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Sammlung

Ein Artefakt auf Umwegen

Manchmal stoßen Wissenschaftler*innen in den Unweiten der universitären Sammlungen auf rätselhafte Gegenstände, die bisher wenig Beachtung gefunden haben. Das mag daran liegen, dass niemand so richtig weiß, was damit anzufangen ist.

Klein, kompakt und kunstvoll verziert: die Teremok-Schatulle.

Im Falle dieses schmuckhaften und rätselhaften Gegenstandes entwickelte sich eine Zusammenarbeit verschiedener Forschungsbereiche, um der Spur des von Sammlung zu Sammlung gereichten Gegenstandes zu folgen. Angestoßen durch eine Reinigung begann die Reise des Artefaktes durch verschiedene Disziplinen der Wissenschaft, bei der Mitarbeiter*innen aus Ethnologie, Anthropologie, Ur- und Frühgeschichte, Geowissenschaften und Botanik zusammengekommen sind.

Etwas ganz Besonderes

Es ist klein, kompakt, kunstvoll verziert und wirkt wie ein eleganter Einrichtungsgegentand und ein sicherer Aufbewahrungsort für etwas ganz Besonderes – die Teremok-Schatulle, benannt nach ihrer Form. Mit dem oberen, walmdachähnlichen und dem unteren, rechteckigen Teil, sieht die Schatulle nämlich aus wie ein kleines Häuschen. „Teremok“ ist die russische Bezeichnung dafür. Aber wie ist dieser Gegenstand in die Anthropologie der Universität Göttingen gekommen? Über einige Umwege. Ich durfte sie mir anschauen und mit Dr. Birgit Großkopf vom Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Historische Anthropologie und Humanökologie über die interdisziplinäre Forschung an diesem besonderen Fund sprechen.

Birgit Großkopf mit Schatulle in der Sammlung Historische Anthropologie.

 Zettelkarteien-Wirtschaft in der Ethno

Die Geschichte beginnt im Königlichen Academischen Museum der Universität Göttingen. Nach dem Tod des Kurators des Museums Johann Friederich Blumenbach im Jahre 1840, wurde die enzyklopädische Sammlung zu einer systematischen umstrukturiert. Dabei fiel den Mitarbeiter*innen ein kleines mysteriöses kastenförmiges Objekt in die Hände, zu dem nicht viele Informationen vorhanden waren. Die ethnologisch angelegte Zettelkartei aus den 1940er Jahren verwies mit „Af 2789“ auf Afrika als Herkunftsland. Eine hinzugefügte Bleistiftnotiz „Ägypten?“ konkretisierte nicht wirklich. Interessanterweise ordnete die Kartei den Gegenstand der Sachgruppe „Geräte“ zu, obwohl sich in der Schatulle menschliche Knochen befanden.

Das Kästchen vor der Säuberung.

Der Weg in die Anthropologie

Zusammen mit allen anderen ethnologisch-betitelten Sammlungsinhalten fand die Schatulle ein neues Zuhause im 1877 fertiggestellten Zoologisch-Zootomischen Institut in der Berliner Straße (das Gebäude, in dem aktuell das Forum Wissen entsteht). Hier wurde sie mit der Nummer 217 im sogenannten Rühlschen Zettelkatalog eingeordnet. Mit der Fertigstellung des Ethnologischen Instituts (damals Institut für Völkerkunde) 1936 zog das Kästchen um an den Theaterplatz. Als die Ethnolog*innen in den 1990ern alle Mumienteile an die Sammlung Historische Anthropologie übergaben, war darunter auch die Teremok-Schatulle. Und da wären wir nun.

Karteikarte im Rühlschen Zettelkatalog.

Eine Frage der Provenienz

Statt einer direkten Auskunft bietet die Rühlsche Kartei nur die Angabe „a.S.“, was auf eine Zugehörigkeit zur ganz alten Ethnologischen Sammlung anno 1886 hinweist. Deshalb und auch des Aussehens wegen vermuten die Forscher*innen, dass das hübsche Kästchen Teil einer der zahlreichen Schenkungen durch den Baron Thomas von Asch gewesen sein könnte, der als Generalstabsarzt unter Katharina der Großen gerne auf seine Promotionszeit in Göttingen zurückblickte und allerhand Bedeutsames an die Göttinger Sammlungen schickte. Dies konnte zwar bislang nicht bewiesen werden, doch Dr. Jens Schneeweiß, ehemaliger Kustos der Lehrsammlung Ur- und Frühgeschichte, verweist auf ähnliche Schatullen, welche in russischen Museen, wie dem Staatlichen Museum in Moskau und dem Russischen Museum in St. Petersburg, besichtigt werden können. Vermutlich wurde demnach auch das Göttinger Kästchen so wie die in Russland befindlichen Teremok-Schatullen in der Gegend von Velikij Ustjug hergestellt. Analysen zur Beschaffenheit des Kästchens, die unter anderem die Restauratorin der Klassischen Archäologie und Mitarbeiter*innen vom Geowissenschaftlichen Zentrum durchführten, bestätigen diese Einschätzung. In den Schriften und Notizen, die den Sendungen des Barons von Asch zugehörig sind, wird derweil weiterhin nach Erwähnungen eines kleinen schmuckhaften Kästchens mit menschlichem Inhalt Ausschau gehalten.

Die geöffnete Schatulle samt Inhalt.

Ein ungewöhnlicher Aufbewahrungsort

Aber nun zum eigenartigen Teil: den menschlichen Knochen. An sich sind Knochen ziemlich alltäglich in einer Anthropologischen Sammlung. Aber warum lagen sie in dieser Kiste, die ja wohl keinesfalls einem Sarg ähnelt? Handelt es sich womöglich um Reliquien? Schauen wir sie uns doch mal genauer an – beziehungsweise schauen wir, was die Anthropolog*innen rund um Dr. Birgit Großkopf herausgefunden haben: Es handelt sich um 18 mumifizierte Fußknochen einer ausgewachsenen Person unbestimmten Geschlechts und unbestimmter Herkunft. Mehr kann dazu momentan nicht gesagt werden, denn durch die DNA-Analyse konnte nicht eindeutig geklärt werden, welches Geschlecht die Mumie hat, und wo sie herkommt. „Theoretisch kann man anhand der Robustizität der Knochen das Geschlecht feststellen. Da wir aber die regionale Herkunft nicht kennen, können wir das nicht mit Sicherheit sagen, ob männlich oder weiblich“, begründet Birgit Großkopf.

Diese Knochen hat die Anthropologin Dr. Birgit Großkopf untersucht.

Rätsel der Zukunft

Sie und ihre Kolleg*innen erhoffen sich weitere Angaben zu regionaler Herkunft und Geschlecht des Fundstücks durch eine NGS-Analyse (next-generation sequencing), die derweil außer Haus durchgeführt wird. Sollten sich dadurch keine neuen Erkenntnisse ergeben, so bleibt das mysteriöse Kästchen weiterhin ein Rätsel bis eventuell zufällig ein historischer Kontext auftaucht, zum Beispiel  in der russischen Literatur oder durch einen vergleichbaren Fund anderswo. Bis dahin ruhen die Knochen in ihrem hübschen Kästchen, in einem klimatisierten Raum in der Mumienteilsammlung der Historischen Anthropologie.

Die bisherigen Ergebnisse der Untersuchungen wurden im Göttinger Jahrbuch 2018 des Göttinger Geschichtsverbandes publiziert. Alte Sammlungsobjekte – neue Erkenntnisse: Eine Teremok-Schatulle mit Mumienknochenвзять займ на карту без отказа под 0 процентов, von Birgit Grosskopf, Gudrun Bucher, Andreas Kronz, Jorun Rebekka Ruppel, Jens Schneeweiss, Lyudmila Shumilovskikh und Nicole Zornhagen.

Fotos: Meike Hartmann

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Sammlung

Erich Blechschmidt. Abbilder

“Ein menschlicher Embryo hat so viel Anmut, dass der Unvoreingenommene ihn staunend bewundern muss.” Erich Blechschmidt im Vorwort zu „Vom Ei zum Embryo“, 1968

His-Ziegler-Modelle, Embryo A aus der Modellserie “Anatomie menschlicher Embryonen”, Anatomisches Institut, Göttingen, 1880/85. Foto: Hans-Georg Sydow.
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Sensible Objekte

Handle with care! Sensible Objekte in den universitären Sammlungen Göttingens

In universitären Sammlungen finden sich viele Objekte, deren Einbindung in Forschung und Lehre oder deren Präsentation in einer Ausstellung oder im Netz ein besonderes Taktgefühl verlangen. Für solche Sammlungsgegenstände hat sich der Begriff „sensible Objekte“ etabliert. In der gleichnamigen Blog-Reihe berichten wir ab sofort darüber, wie wir in unterschiedlichen Sammlungen und Projekten mit diesen Objekte umgehen.

Aus der Blechschmidt-Sammlung: Präperate menschlicher Embryonen, die als Schnittserien auf Glasplatten aufgezogen und auf Pappplatten angeordnet wurden.

Was sind sensible Objekte?

Wir betrachten Objekte als sensibel, wenn es sich um menschliche Überreste oder sakrale Objekte handelt, oder wenn ihr Erwerb und Transfer in eine Sammlung nach heutigem Verständnis unrechtmäßig war. Darunter fallen etwa Kunstgegenstände, die während der NS-Diktatur durch Enteignung, Raub oder erzwungenen Verkauf den Besitzer wechselten. Aber auch wissenschaftliche Objekte, die im Zuge der europäischen Expansion seit dem 15. Jahrhundert von Reisenden, Forschern, Händlern oder Kolonialbeamten nach Europa gebracht wurden, können als sensibel betrachtet werden. Neben ethnografischen Objekten und menschlichen Präparaten gelangten auch Messdaten, Körperbeschreibungen, Fotografien oder Gipsabgüsse, die von lebenden Personen angefertigt wurden, an europäische Museen und Universitäten – häufig ohne die Kenntnis oder gar Zustimmung der betroffenen Personen.

Sensible Objekte in den Göttinger Sammlungen

In Göttingen betrifft das nicht nur Sammlungen, die menschliche Überreste enthalten, wie etwa die Blechschmidt-Sammlung menschlicher Embryos, die Blumenbachsche Schädelsammlung mit rund 840 Objekten oder die Anthropologische Sammlung, deren Grundstock ein umfangreiches Konvolut menschlicher Schädel aus dem Hamburger Völkermuseum bildet. Auch viele ethnologische oder naturkundliche Objekte, die in einem kolonialen Kontext gesammelt und nach Göttingen gebracht wurden, sind heute Bestandteil der zoologischen, botanischen oder ethnologischen Sammlungen.

Sammlungspotal ohne Objektabbildung
Bewusste Leerstele im Sammlungsportal: Nicht jedes Objekt bilden wir im Netz ab.

Alle Formen der Auseinandersetzung mit sensiblen Objekten sind hierbei betroffen: Ausstellungen und Sammlungspraktiken, die Darstellung im Netz, zum Beispiel im Göttinger Sammlungsportal, sowie der Einsatz in Forschung und Lehre. Auch in der Planung der Basisausstellung für das Forum Wissen fragen wir, auf welche Weise wir sensible Objekte präsentieren und in die Ausstellung integrieren können.

In allen Fällen werfen sensible Objekte ethische Fragen auf, die nach sorgfältiger Prüfung der Erwerbsbedingungen von Objekten jeweils im Einzelfall entschieden werden müssen: Wie und in welcher Weise kann oder darf mit sensiblen Objekten geforscht und gelehrt werden? Dürfen sensible Objekte ausgestellt, und in welcher Form können sie gezeigt werden? Was soll mit sensiblen Objekten geschehen, wenn sie nicht ausgestellt werden und nicht mit ihnen gearbeitet wird?

Ein “heikles Erbe”, das viele Museen beschäftigt

Natürlich ist Göttingen nicht der einzige Ort, an dem man sich mit Objekten zweifelhafter Herkunft beschäftigt. Viele Museen und Forschungseinrichtungen machen ihr „heikles“ oder „schwieriges Erbe“ inzwischen zum Thema (so die Titel eines aktuellen Forschungsprojekts der Universität Tübingen in Kooperation mit dem Stuttgarter Linden-Museum und einer Ausstellung im Landesmuseum Hannover im Jahr 2017). Das Land Niedersachsen verfügt zudem mit dem Netzwerk Provenienzforschung über eine Einrichtung, die zu einer nachhaltigen Etablierung der Erforschung sensibler Objekte in den Sammlungen und Museen Niedersachsens beitragen soll. Vor allem die Debatten um das Berliner Humboldt-Forum (geführt zum Beispiel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung), in dem zukünftig die außereuropäischen Sammlungen Berlins ausgestellt werden sollen, machen den großen Bedarf an einer kritischen Auseinandersetzung mit den Herkunftskontexten und Ausstellungsweisen sensibler Objekte deutlich.

Karteikarte zu einem Schädel, der als Teil eines Konvoluts menschlicher Überreste in den 1950er Jahren vom Hamburger Völkerkundemuseum in die Anthropologische Sammlung nach Göttingen kam.

Mit Rückgabeforderungen indigener Gruppen konfrontiert, wurden vor allem im englischsprachigen Kontext seit den 2000er Jahren allgemeine Standards zum Umgang mit sensiblen Objekten und den Bedingungen ihrer Rückgabe formuliert. Seit 2013 existieren auch im deutschsprachigen Kontext mit den „Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen“ des Deutschen Museumbunds entsprechende Richtlinien. Doch während die Museen zunehmend gegenüber solchen Fragen ein Problembewusstsein entwickelt haben, stehen viele universitäre Sammlungen noch ganz am Anfang. Einen wichtigen ersten Beitrag dazu leistet ein kürzlich erschienener Sammelband, der aus der Perspektive unterschiedlicher universitärer Sammlungen und Museen das Thema systematisch bespricht.

Die Blog-Reihe „Sensible Objekte“

Die Blog-Reihe wird als eine Plattform dienen, um unterschiedliche Perspektiven aus den Göttinger Sammlungen und dem Forum Wissen auf sensible Objekte und Sammlungen zu bündeln. Dabei soll es nicht darum gehen, definitive Lösungen für den „richtigen“ Umgang mit sensiblen Objekten zu finden. Wir wollen vor allem die Diskussion darüber in Gang zu bringen und am Laufen halten. Den Aufschlag macht in wenigen Wochen Michael Markert, der sich momentan in einem zweijährigen Forschungsprojekt mit der Provenienz von Objekten in der Humanembryologischen Blechschmidt-Sammlung beschäftigt. In regelmäßigen Abständen werden dann Kustodinnen und Kustoden sowie Studierende aus ihrer Sicht über die Arbeit mit sensiblen Objekten berichten. Schließlich ergänzen wir die Reihe um Beiträge, die sich im Hinblick auf das Forum Wissen mit diesem Thema beschäftigen.